Achtsamkeit leben

Interview mit Doris Kirch

von | 28.10.2020

Ein Leben für und mit Achtsamkeit

Interview mit Doris Kirch

Seit über 35 Jahren lebt Doris Kirch Achtsamkeit, seit über 20 Jahren gibt sie als Ausbilderin und Dozentin ihr Wissen weiter. Als Autorin mehrerer Ratgeber zu Stressbewältigung, Meditation und Achtsamkeit ist sie eine der Expertinnen auf dem Gebiet.

Doris Kirch begleitet Menschen auf ihrem Weg zur Achtsamkeit. Durch ihre Bücher und ihre Arbeit als Ausbilderin für Achtsamkeit und MBSR im Deutschen Fachzentrum für Achtsamkeit ist sie vielen ein Begriff. Mit ihrer Arbeit hat sie viel dazu beigetragen, dass Achtsamkeit und Stressbewältigung einen Platz in der Gesellschaft eingenommen haben.

Achtsamkeitsexpertin Doris Kirch

Fragen an die Expertin

Doris Kirch im Interview

Doris Kirch ist Gründerin und Leiterin des Deutschen Fachzentrums für Achtsamkeit, kurz DFME, in Oldenburg. Ihre langjährige Erfahrung fließt in ihre Arbeit als Achtsamkeitslehrerin und Dozentin ein. Darüber hinaus ist sie Autorin verschiedener Ratgeber, darunter mehrere zur Stressbewältigung.

Im powerful:me-Interview spreche ich mit Doris Kirch unter anderem darüber, was sie auch noch nach Jahrzehnten an ihrer Arbeit fasziniert, wie sie selbst achtsam für sich sorgt und was ihre Vision von Achtsamkeit ist.

Doris, seit über 20 Jahren widmest du dich dem Thema Achtsamkeit, was begeistert dich an deiner Arbeit am meisten?

D.K.: Am meisten begeistert mich die Möglichkeit, etwas zum Glück anderer Menschen beitragen zu können. Und ich bin in jedem Ausbildungsgang zutiefst berührt davon, mitzuerleben, wie Menschen sich entwickeln, wie sie durch Achtsamkeit geradezu erblühen. Ich liebe die Schilderungen aus dem Alltag der Teilnehmer, die zeigen, wie sie durch die Achtsamkeitspraxis immer mehr zu sich selbst erwachen, was sich in allen Details ihres Lebens, in der Familie wie im Job, widerspiegelt.

Ein weiterer Aspekt, warum meine Arbeit mich begeistert, ist der Zustand der Welt. Kriege, Gewalt und Umweltzerstörung hinterlassen manchmal ein taubes, ohnmächtiges Gefühl in mir. Meine Arbeit bewahrt mich jedoch davor, in Hilflosigkeit und Frustration zu versinken.

Dass ich jeden Tag meines Lebens einen Beitrag zu einer besseren Welt mit mehr Achtsamkeit, Mitgefühl, Ethik und Menschlichkeit leiste, erfüllt mich nicht nur mit Begeisterung, sondern auch mit tiefer innerer Befriedigung und Freude.

Freude am Achtsamkeitslehren

Was hat dich dazu gebracht, andere als Achtsamkeitstrainer auszubilden?

D.K.: Die innere Frage, wie ich der Welt mit meinen Fähigkeiten und Erfahrungen am besten dienen kann. Im Moment geistert ja der Begriff “Super-Spreader” durch die Medien.

Ich wollte ein “Super-Spreader” des Guten, Wahren und Schönen sein. (D.K.)

D.K.: Ich dachte mir, dass wir schneller auf den Weg zu einer lebenswerteren Welt kommen, wenn ich Menschen in Achtsamkeit und Mitgefühl ausbilde, die dann wiederum die gute Sache in ihren Kursen und Seminaren in die Welt tragen. In den letzten 20 Jahren habe ich Hunderte von Menschen in Achtsamkeit ausgebildet, die wiederum Hunderten von Menschen Achtsamkeit vermittelt haben. Da kommt ganz schön was zusammen – und das war mein Ziel.

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Um andere gut zu unterstützen, muss man gut auf sich selbst achtgeben. Was tust du in Sachen Selbstliebe, um deine Akkus aufzuladen?

D.K.: Tatsächlich habe ich bisweilen die Neigung, in meinem Enthusiasmus für die gute Sache über meine Grenzen hinauszugehen und zu viel zu arbeiten. Dann vergesse ich zu trinken, esse die falschen Sachen und bewege mich zu wenig. Dann ist es die Meditation, die mich auf den Teppich bringt. Sie ermöglicht es mir, immer wieder tief mit mir und meinen Bedürfnissen in Kontakt zu kommen.

Da für mich der Alltag ebenso Achtsamkeitspraxis ist, wie die Meditation auf dem Kissen, finde ich Ruhe, Freude und Kraft in jeder gewöhnlichen Tätigkeit.

Das klingt vielleicht verrückt, aber ich liebe es, im Garten zu werkeln, zu putzen oder zu bügeln. In meiner achtsamen Geisteshaltung sind das alles nährende Tätigkeiten für mich.

Achtsame Geisteshaltung auch beim Gärtnern

D.K.: Ein bedeutender Quell von Freude sind für mich meine erwachsenen Kinder und Enkel und meine Freunde. Für meinen Seelenfrieden habe ich vor 25 Jahren meiner Heimatstadt Berlin den Rücken gekehrt und lebe seit 25 Jahren auf dem Land in der Nähe der Nordseeküste. Viel in der Natur zu sein, ist für meine Regeneration enorm wichtig. Und dann schätze ich noch sehr die Zeiten in schweigender “Klausur“, für die ich mir viel Raum nehme.

Wie ist deine Einschätzung und Erfahrung über die Jahre mit dem Thema Achtsamkeit, was die öffentliche Wahrnehmung angeht?

D.K.: Das Interesse an Achtsamkeit ist im letzten Jahrzehnt geradezu geboomt. Vor allem den wissenschaftlichen Forschungen haben wir es zu verdanken, dass Meditation und die Achtsamkeitspraxis heute als selbstverständlicher Teil der Psychohygiene gesehen werden. Die Forscher haben die Praxis der Geistesschulung aus der Esoterikecke herausgeholt und salonfähig gemacht.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich vor 35 Jahren noch belächelt – und bisweilen sogar lächerlich gemacht wurde –, wenn ich erzählte, dass ich meditiere.

Was mir in der Entwicklung allerdings ein wenig Bauchschmerzen macht, ist die Gefahr, dass Achtsamkeit in den Medien zu “McMindfulness” verkommt. (D.K.)

D.K.: Mittlerweile fühlt sich jeder, der ein paar Monate Meditationserfahrung hat, dazu berufen, Achtsamkeit zu lehren. Dem “Original” der Achtsamkeitspraxis, die ihre Wurzeln in der buddhistischen Tradition hat, wird damit oft ein Bärendienst erwiesen.

Denn vieles was da quasi entwurzelt angeboten wird, ist nicht nur wirkungslos, es kann sogar ausgesprochen kontraproduktiv sein.

Es wird noch einiges an Aufklärungsarbeit brauchen, damit Interessierte die traditionelle Achtsamkeitspraxis von der “Mainstream-Achtsamkeit” unterscheiden können.

die richtige Form der Achtsamkeit

powerful:me: Zu Zeiten der Pandemie plagen viele von uns negative Gefühle. Sei es die Angst um die eigene Gesundheit und Existenz, Unfreiheit oder Stress im häuslichen Umfeld.

Wie kann eine achtsame Haltung helfen, mental gesund durch die Krise zu kommen?

D.K.: Es gibt keine Abkürzungen oder Tricks in der Achtsamkeitspraxis. Der Wert der Achtsamkeitspraxis liegt darin, dass durch das ihr zugrundeliegende Bewusstseinstraining das Gehirn quasi umprogrammiert wird. Ein achtsamer Geist weiß (und das ist keine reine kognitive Erkenntnis, sondern verkörpertes Bewusstsein), dass er keinen Einfluss darauf hat, was ihm im Leben widerfährt, dass er aber sehr wohl einen Einfluss darauf hat, wie er damit umgeht. Allein dieses Bewusstsein bewahrt vor dem größten Stress. Denn Stress ist mit dem Gefühl von ohnmächtigem Ausgeliefertsein verbunden.

Das Bewusstsein, zu wählen, wie man mit einem Ereignis umgehen möchte, fördert das Gefühl von Selbstwirksamkeit und senkt damit den empfundenen Stress. Allein das ist in einer Krise schon viel wert.

Wenn mich jemand fragt, was er am besten tun kann, um gut durch die Krise zu kommen, kann ich ihm nur raten, einen Achtsamkeitskurs bei einer gut ausgebildeten Achtsamkeitstrainerin oder einem MBSR-Lehrer zu besuchen. Eigentlich sollte man das am besten bei “ruhiger See” tun, damit man ein geübter Navigator ist, der sein Lebensschiff sicher in den Hafen steuert, wenn die See mal hoch geht. Aber nach dem Motto: “Besser spät als nie”, kann ein Achtsamkeitskurs auch mitten in der Krise hilfreich sein, um “den Anker zu werfen” und nicht unterzugehen.

Mental gesund bleiben in der Corona-Krise

D.K.: Schaun wir mal auf das, was auch ein ungeübter Geist tun kann, um die Belastungen in der Corona-Krise ein wenig zu mildern.

D.K.: Die folgenden acht Tipps habe ich einem der Fachbeiträge aus meinem Achtsamkeitsblog entnommen:

1. Praktiziere regelmäßig Achtsamkeitsmeditation, um den Geist zu beruhigen und zu klären.

2. Vermeide es, ständig angsterzeugende Nachrichten zu lesen oder anzuschauen.

3. Lies Nachrichten, die deine Zuversicht stärken.

4. Pflege den Kontakt mit Menschen, die dir guttun.

5. Denke an die Dinge, die du tun und kontrollieren kannst (statt an die, die du nicht tun und nicht kontrollieren kannst).

6. Erde dich durch Orte, Dinge, Aktivitäten, Zitate, Rituale, Mantras oder Gebete.

7. Pflege bewusst deine psychische, seelische, körperliche und soziale Gesundheit.

8. Sei dankbar für das, was du hast und sei hilfreich für andere.

D.K.: Vor allem der letzte Punkt wird mir immer wieder als besonders hilfreich von Menschen bestätigt, die ihm umsetzen.

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Welche Menschen motivieren dich auf deinem Weg? 

D.K.: Wenn die Frage in die Richtung geht, ob ich Vorbilder habe, dann muss ich das verneinen. Ich bin mir selbst Maß und Meister. Wenn ich abends im Bett liege, lege ich Rechenschaft über das ab, was ich am Tag getan und gelassen habe. In diesen stillen Momenten mache ich mir bewusst, wo ich als der Mensch gehandelt habe, der ich sein möchte – und wo nicht. Und dann freue ich mich oder ich lerne daraus, je nachdem.

Motivation ziehe ich aus meinem Tun als solches, weil ich liebe, was ich tue; es ist nicht an Personen gebunden.

Die Vision von Achtsamkeit

Was ist deine Vision von Achtsamkeit, was wünschst du dir für die Zukunft?

D.K.: Ich habe einen Traum. Ich wünsche mir eine bessere Welt und ich bin zutiefst überzeugt davon, dass die Achtsamkeitspraxis mit all ihren Facetten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten kann. Ich stelle mir vor, dass Achtsamkeit in Kindergärten vermittelt und an Schulen gelehrt wird; von Anfang an.

Es sollte natürlich sein, sich mitfühlende Gedanken um sich selbst, andere und die Welt drumherum zu machen. (D.K.)

D.K.: Ich wünsche mir, dass unsere Spezies endlich lernt, ihr Gehirn zu benutzen, anstatt sich vom Strom unbewusster triebgesteuerter Impulse durchs Leben treiben zu lassen. Ich träume von einem neuen Menschen, dessen Denken, Fühlen und Handeln von Weisheit und Mitgefühl bestimmt wird. Die Praxis der Achtsamkeit hat das Potenzial, diesen Menschen hervorzubringen.

Achtsamkeitsblog: zum Weiterlesen

Im Achtsamkeitsblog des DFME findest du neben zahlreichen Fachartikeln auch solche, die sich mit dem Thema Corona auseinandersetzen, darunter Doris’ Corona-Achtsamkeitstagebuch.

powerful:me: Lieben Dank für das Interview, Doris

(Bildnachweis: Doris Kirch © Kerstin Petermann)

Lisa von powerful:me

Lisa
ist viel draußen | sieht die Welt optimistisch | lernt gern Menschen kennen
Schreib uns: info@powerful-me.de

 

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