Die Kunst zu scheitern

Vom Fallen und Wiederaufstehen

von | Feb 7, 2020

Selbststärkung statt Selbstzerstörung

Der richtige Umgang mit dem Scheitern

Jedem von uns ist sie bekannt, schon von Kindesbeinen an: Die Erfahrung des Scheiterns. Vielleicht hat dein erster Versuch auf dem stützräderlosen Fahrrad mit blauen Flecken und einer bösen Schürfwunde geendet? Eine verhauene Klassenarbeit, eine Absage für den Traumjob, die Zurückweisung des Traumpartners – Scheitern erfahren wir in allen Bereichen des Lebens, in Form kleiner Enttäuschungen bis hin zu tiefen Erschütterungen. Mal stolpern wir nur und laufen weiter, mal fallen wir tief und fühlen uns so schwer, als könnten wir nie wieder aufstehen.

Eine entscheidende Rolle spielt unsere Interpretation des eigenen Scheiterns: Allzu oft geht sie einher mit Schuldzuweisungen, Selbstzerfleischung und einer Hoffnungslosigkeit, die uns handlungsunfähig macht und uns die Chance, die jede Niederlage birgt, vergessen lässt.

Doch es gibt sie, die Kunst des Scheiterns, und sie ist erlernbar! Wir zeigen dir, wie du durch den richtigen Umgang mit dem Scheitern deinen Selbstwert schützt und gestärkt aus Niederlagen hervorgehst.

Scheitern, Selbstliebe und Selbstwert

Unser Umgang mit dem Scheitern ist eng mit dem Selbstwert und der Fähigkeit sich selbst zu lieben verknüpft. Je geringer diese Fähigkeit ausgeprägt ist, desto mehr wird die Erfahrung des Scheiterns als persönliches Versagen und Erschütterung des Selbst- und Weltbilds verarbeitet. Wenn du es nicht gelernt hast dich mit allem, was dich ausmacht, als liebenswert zu begreifen, wird jeder Misserfolg dich in deinem negativen Selbstbild bestärken. Die Fähigkeit zur Selbstliebe wird entscheidend durch frühkindliche Erfahrungen und Rollenvorbilder geprägt, kann aber ebenso durch Zurückweisungen und Niederlagen im späteren Leben beeinflusst werden. Auch Veranlagung spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. 

Selbstliebe zu erlernen, ist oft harte Arbeit – aber sie ist es wert!

Nicht genug, dass wir mit den eigenen inneren Dämonen zu kämpfen haben – wir leben zudem in einer stark individualistisch ausgerichteten Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung eng an Leistung geknüpft ist. Der Traumjob, der Traumkörper, das Traumhaus – wer nicht mitziehen kann, fühlt sich schnell abgehängt und betrachtet sich selbst als Versager. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, krankhaftem Perfektionismus oder hoher Leistungsorientierung sind besonders betroffen. In Zeiten von Facebook, Instagram und Co hat der gesellschaftliche Druck zur Selbstoptimierung entschieden zugenommen. Der Frage nach einem gesunden Umgang mit sozialen Medien sollte damit ein fester Platz in der öffentlichen Diskussion eingeräumt werden.

Täglich sind wir mit dem perfekten Lifestyle, der perfekten Ernährung, dem perfekten Selfie konfrontiert – da kann das Selbstbild leicht bröckeln, vor allem bei jenen, die ohnehin (noch) nicht mit sich im Reinen sind.

Die Folgen für Körper und Psyche

Der falsche Umgang mit dem Scheitern verursacht einen Teufelskreis aus negativen Selbstzuschreibungen, Versagensängsten und Handlungsohnmacht, die sich gegenseitig stärken und jede erneute Erfahrung des Scheiterns als Bestätigung abspeichern. Für deinen Körper und deine Psyche kann das ernsthafte Folgen haben.

Wenn du jeden Misserfolg als persönliches Versagen interpretierst und dich mit Schuldzuweisungen und negativen Glaubenssätzen strafst – „Ich bin ein schlechter Mensch!“, „Mir wird nie etwas gelingen!“, „Ich mache immer alles falsch!“ -, richtest du nach und nach deinen Selbstwert zu Grunde. Das hat zur Folge, dass du gänzlich das Vertrauen in dich selbst und die eigene Handlungsfähigkeit verlierst.

Die ständige Angst vor dem Versagen führt zu Vermeidungsstrategien. Häufig stellen wir uns großen Herausforderungen erst gar nicht mehr oder schieben sie so lange vor uns her bis wir sie tatsächlich nicht mehr bewältigen können – damit fühlen wir uns bestätigt und entziehen uns der Auseinandersetzung mit unseren Ängsten.

Im schlimmsten Fall kann ein ungesunder, selbstdestruktiver Umgang mit dem Scheitern so weit führen, dass wir anfangen unter der eigenen Person zu leiden, bis zum Selbsthass. Oder wir fühlen uns so ohnmächtig, dass wir vollkommen den Glauben an die Welt, uns selbst und all unsere Wünsche und Ziele verlieren, uns einfach aufgeben. Depressionen, Essstörungen, Angststörungen und Burnout, Erschöpfung, Anspannung, Magen-Darm-Beschwerden und andere psychische und körperliche Symptome können die Folgen sein. Deshalb ist es so wichtig, dass wir einen gesunden Umgang mit dem Scheitern erlernen. Bei starkem Leidensdruck solltest du nicht davor zurückschrecken professionelle Hilfe zu suchen.

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Die Kunst des Scheiterns erlernen

Hinfallen, Staub abklopfen, Wunden verarzten, Aufstehen, Weiterlaufen – und das noch gestärkt und mit erhobenem Kopf! Manchmal möchte man fast wütend werden, wenn man nach einem schweren Rückschlag Aufmunterungen hört wie „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!“ oder „Aus Fehlern lernt man!“

Manche Erfahrungen bedeuten einen tiefen Einschnitt: eine gescheiterte Beziehung, eine Kündigung, eine nicht bestandene Aufnahmeprüfung. Diese Erfahrungen des Scheiterns haben entscheidenden Einfluss auf unser Leben, das sich nun völlig anders gestalten wird als wir es uns ausgemalt haben.

Gefühle wie Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz sind vollkommen natürlich und sollten nicht unterdrückt werden, spielen sie doch eine entscheidende Rolle für den Heilungsprozess. Sie sollten jedoch nicht in Ohnmacht, Resignation und Selbstaufgabe führen.

Der Grad von Wut und Enttäuschung zu Schuldzuweisung und Autoaggression ist schmal und wir müssen stets darauf achten, diese Grenze nicht zu überschreiten. Negative Glaubenssätze spielen dabei eine entscheidende Rolle. Lausche mal, was dein innerer Kritiker dir so einflüstert – sind es Sätze wie „Du wirst immer ein Versager sein!“ und „Du bist an allem schuld!“, solltest du unbedingt an deinem Umgang mit dem Scheitern arbeiten.

Der selbststärkende, konstruktive Umgang mit dem Scheitern liegt irgendwo in der goldenen Mitte zwischen Eigenverantwortung und Selbstschutz. Gibst du dir selbst alle Schuld und stellst gleich deine ganze Person in Frage, wird dein Selbstwert bedeutend geschwächt und mit ihm auch der Glaube an die eigene Handlungsfähigkeit. Entziehst du dich jeglicher Verantwortung für dein Scheitern und schiebst sie gänzlich äußeren Faktoren zu, verlierst du das Vertrauen in die Welt und verpasst die Chance aus der erlittenen Niederlage zu lernen.

Scheitern als Chance

Es tut weh, es macht uns Angst, es lenkt das Leben in ungewollte Bahnen – und doch kann Scheitern auch Positives bewirken, wenn wir es aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Scheitern kann eine Chance sein, dir bewusst zu werden, was dir im Leben wichtig ist und welche Dinge vielleicht falsch laufen. Ein Misserfolg kann Horizonte eröffnen, die dir bis dato gänzlich unbekannt waren.

„Eine Analyse des eigenen Scheiterns, sofern sie konstruktiv ist, birgt immer die Möglichkeit etwas über sich selbst zu lernen: Warum bin ich gescheitert? Welche Verantwortung trage ich? Was kann ich beim nächsten Mal anders machen? Was erfahre ich durch mein Scheitern und dessen Bewertung über mich selbst?“

Von Geburt an ist das Leben ein großes Experimentierfeld. Kinder probieren sich aus, erforschen mit all ihren Sinnen die Welt – und wir Erwachsene staunen nicht selten über ihre Angstlosigkeit! Über Erfahrungen des Scheiterns lernen sie sich selbst, die eigenen Fähigkeiten und Grenzen immer besser kennen – ohne sich von letzteren entmutigen zu lassen. Durch das Scheitern erweitern wir unseren Horizont, denn Rückschläge verlangen oft, dass wir uns einen Plan B überlegen müssen. Das heißt nicht, dass wir unsere Ziele und Träume sofort aufgeben sollten, aber vielleicht müssen wir einen anderen Weg gehen, um sie zu erreichen.

Manchmal eröffnen sich auch ganz neue Perspektiven. Eine gescheiterte Beziehung beispielsweise kann Anstoß sein, sich der eigenen Wünsche und Erwartungen an eine Partnerschaft bewusst zu werden. Eine verpasste Jobchance setzt möglicherweise eine Suche nach der eigenen Berufung in Gang. Allein dieser Perspektivenwechsel ist ein wichtiger Schritt, um künftig stabil, vielleicht sogar gestärkt, aus Niederlagen hervorzugehen.

Die Art und Weise, wie wir mit Misserfolgen umgehen, verfestigt sich im Laufe des Lebens, eine Veränderung ist nicht leicht. Mache dir bewusst, wieviel mehr Zufriedenheit, Resilienz und Lebensmut dir ein gesunder Umgang mit dem Scheitern bringen kann. Eine solche Steigerung der Lebensqualität ist die intensive Arbeit an dir allemal wert!

– Wir haben ein paar Tipps, mit denen du dich auf den Weg machen kannst!

10 Tipps für einen gesunden Umgang mit dem Scheitern

1. Emotionen zulassen

Scheitern kann ungeheuer schmerzhaft sein. Für den Heilungsprozess ist es wichtig, dass du natürliche Reaktionen wie Wut, Frust und Enttäuschung zulässt. Lass sie jedoch nicht deinen Selbstwert schädigen oder das Vertrauen in dich und die Welt zerstören.

2. Selbstliebe üben

Selbstliebe ist essentiell für einen gesunden Umgang mit Niederlagen und das Lebensglück überhaupt. Der erste Schritt ist die Einsicht, dass du diese Liebe verdient hast. Schuldzuweisungen oder die Erfahrung nicht „genug“ zu sein sorgen dafür, dass diese Einsicht erst hart erkämpft werden muss. Richte den Blick auf das, was du an dir schätzt, und auf Erfolgserlebnisse – schreib sie am besten auf. Und wenn es dir allzu schwerfällt: Frag einmal Freunde und Familie, was sie an dir schätzen – das ist nämlich eine ganze Menge!

3. Negative Glaubenssätze umformen

In negativen Glaubenssätzen findet mangelnde Selbstliebe Ausdruck. „Versager!“, „Ich bin nie genug!“, „Alles mache ich kaputt!“ – die innere Stimme, die uns diese Selbstzuschreibungen zuflüstert, müssen wir unbedingt zum Schweigen bringen. Sie taucht die eigene Person in ein Schwarz-Weiß, verzerrt das Selbstbild zu einer bösen Fratze. Eine Niederlage macht dich nicht zum Versager, ein Fehler nicht zum schlechten Menschen. Ersetze deine negativen Glaubenssätze durch positive: „Das hat nicht so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe. Ich lerne daraus und werde es beim nächsten Mal besser machen.“ oder „Nur, weil ich dieses Mal gescheitert bin, heißt es nicht, dass ich nicht beim nächsten Versuch erfolgreich sein kann.“

4. Akzeptieren lernen

Dich selbst zu akzeptieren, auch die Persönlichkeitsanteile, mit denen du haderst, ist ein wichtiger Bestandteil von Selbstliebe. Das heißt nicht, dass du dich auf deinen Fehlern ausruhen sollst – aus diesen zu lernen ist essentiell für die Persönlichkeitsentwicklung. Dennoch hat jeder Mensch bestimmte Veranlagungen – Ungeduld, Impulsivität, Sturheit – wichtig ist, sich ihrer bewusst zu sein und sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. Oft liegen unsere Stärken und Schwächen sogar nah beieinander – ein sehr sensibler Mensch beispielsweise reagiert vielleicht manchmal überempfindlich, ist dafür aber ein empathischer Zuhörer. Im Umgang mit dem Scheitern spielt auch die Akzeptanz äußerer Umstände eine Rolle. Verwenden wir unsere Energie zu lange auf Dinge, die wir sowieso nicht ändern können, verpassen wir die Chance, das Beste aus der Situation zu machen.

5. Sich vom Perfektionismus befreien

Niemand, wirklich niemand ist perfekt! Befreie dich von diesem Druck – vom eigenen wie auch dem gesellschaftlichen. Mach dir bewusst, dass Instagram und andere soziale Medien Scheinwelten sind, dass dein Chef oder deine Eltern in ihrem Leben sicher auch mal Fehler gemacht haben und wie unglaublich langweilig der perfekte Mensch wäre! Gesunder Ehrgeiz sollte niemals in ungesunden Leistungsdruck umschwingen – der macht krank und sorgt dafür, dass du vor lauter Angst erst recht nicht das leisten kannst, was du dir erhoffst.

6. Sich selbst verzeihen

Weil jeder Mensch unperfekt ist, macht auch jeder Mensch Fehler. Wir gehen oft ungleich härter mit uns ins Gericht als mit anderen. Selbstkritik ist unerlässlich und eine moralische Pflicht, aber sie hat – im Gegensatz zur Selbstzerstörung – ein positives Ziel: die Weiterentwicklung der eigenen Person, das Leben der eigenen Werte, einen guten Umgang mit sich selbst und anderen. Gestehe dir selbst deine Fehler ein und entschuldige dich aufrichtig bei denen, die du verletzt hast. Arbeite gewissenhaft an dir, sodass du beim nächsten Mal anders handeln kannst. Gehst du so mit begangenen Fehlern um, kannst du guten Gewissens dir selbst verzeihen.

7. Reflektieren

Die Reflektion des eigenen Scheiterns ist unerlässlich. Wir müssen die Situation verstehen, um mit ihr abschließen und Lehren für unser zukünftiges Handeln ziehen zu können. Dabei lernen wir auch uns selbst besser kennen. Wichtig ist das richtige Maß: Wenn wir überanalysieren, kommen wir nicht von der Stelle und die Selbstreflexion wird zur Grübelei.

8. Unterstützung holen

Bitte deine Liebsten nach einem Misserfolg um Unterstützung. Sprich mit ihnen über deine Gefühle und Ängste – oft haben sie von außen einen klareren Blick auf die Dinge, erkennen destruktive Denk- und Handlungsmuster und können vielleicht ein neues Licht auf das Geschehen werfen. Und natürlich tut es manchmal auch einfach gut, wenn jemand dir zuhört, Mut zuspricht oder dich in den Arm nimmt.

9. Handlungsfähig werden

Lass dich nach einem Misserfolg nicht von Hoffnungslosigkeit lähmen, gib dich nicht auf! Deine Stärken werden dir durch eine Niederlage nicht genommen und du kannst deinem Leben weiterhin selbst eine Richtung geben. Es kann hilfreich sein, nach einer Analyse des Geschehenen wirklich konkrete Pläne zu machen: Plan A ist gescheitert. Wie können ein Plan B, C und D aussehen? Welche Ziele verfolge ich und welche Möglichkeiten gibt es sie zu erreichen? Werde möglichst schnell aktiv, das stärkt deinen Glauben in die eigene Selbstwirksamkeit!

10. Scheitern als Chance begreifen

Bei aller Enttäuschung, allem Frust und Schmerz – Scheitern kann eine Chance sein! Neue Perspektiven eröffnen sich, neue Blickwinkel auf sich selbst und das eigene Leben. Die Angst vor der Zukunft ist immer groß, wenn man vom bekannten Weg abweicht, aber Veränderungen können auch die Chance zu mehr Lebenszufriedenheit bergen. Manchmal tragen wir lang verschüttete Ziele und Träume in uns, die erst wieder ans Tageslicht treten, wenn uns eine andere Tür versperrt wurde.

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Larissa
schaut tief in sich und andere hinein | muss ihre Gedanken teilen | hört auf ihr Bauchgefühl
Schreib uns: info@powerful-me.de

 

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